Geisterfahrer unterwegs

Du fährst in einer Einbahnstraße und plötzlich schaut dir jemand von seinem Fahrrad aus geradewegs in die Augen. Hier in der Einbahn – was soll das denn? Auf den zweiten Blick stellt sich heraus, dass die Einbahn für das Radfahren geöffnet ist. Diese Öffnung könnte in Zukunft in fast allen Einbahnstraßen legal werden. Was hat es mit diesem »RgE«, dem Radfahren gegen die Einbahn, eigentlich auf sich? Es geht um die Verkürzung von Wegen.

Das Hauptradverkehrsnetz ist nicht nur ein sperriger Begriff, sondern vor allem teilweise so ungünstig oder gefährlich – und obendrein ohne erkennbarer Radinfrastruktur – angelegt, dass es oft besser ist, auf anderen Wegen mit dem Rad ans Ziel zu gelangen. Die Gassen in Wohnvierteln, im so genannten untergeordneten Straßennetz, sind jedoch meistens Einbahnstraßen. Steigungen und Umwege sind entsprechend ohne Einbahnöffnungen nur schwer zu bewältigen.

Zur Förderung des Radverkehrs gehört daher das Öffnen der Einbahnen. Dies ist eine einfache Maßnahme, Radverbindungen in Wien feinmaschiger und somit direkter zu machen. Sie erhöht auch die Sicherheit, da geöffnete Einbahnen vor allem in Kfz-verkehrsberuhigten Bereichen abseits von Hauptstraßen anzutreffen sind.

Was manchmal für Unverständnis sorgt, ist, dass enge Gassen wie zum Beispiel die Felbigergasse oder die Utendorfgasse in beide Fahrtrichtungen legal beradelbar sind. In einer wenig befahrenen 30er-Zone mit genügend Ausweichmöglichkeiten und guten Sichtbeziehungen ist dies allerdings legitim und eine große Erleichterung. Eine noch bessere Alternative wäre die Umwandlung einer Parkspur in einen baulichen Radweg, so wäre das Platzproblem beim Fahren gänzlich gelöst, da mindestens zwei Meter Fahrbahnbreite gewonnen würden. Hier fehlt allerdings noch ein Kulturwandel, denn dieser Vorschlag ist für viele politische Entscheidungsträger:innen derzeit völlig undenkbar.

Laut einer Analyse der Radlobby sind in Penzing knapp 20 Kilometer Einbahnen für das RgE geöffnet, das ist nicht gerade viel. Der Bezirk liegt hier unter den fünf Letztplatzierten in Wien – obwohl es an passenden Einbahnstraßen nicht mangelt.

Oft ist zu hören, dass »die Radfahrer ja alle am Gehsteig fahren«.

Wir heißen das selbstverständlich nicht gut, aber es ist ein eindeutiger Indikator dafür, dass es an brauchbarer Infrastruktur mangelt. Niemand möchte sich und andere in Gefahr bringen, verbal anecken oder absichtlich gegen Regeln verstoßen. Ist es aber zu gefährlich, auf der Straße zu fahren oder wäre ein großer Umweg notwendig, wird mitunter die Unannehmlichkeit in Kauf genommen, ein Stück am Gehsteig zu fahren. So werden die zwei schwächsten Mobilitätsgruppen gegeneinander ausgespielt: die Radfahrer:innen und die Fußgänger:innen. Passend dazu erschien Mitte April ein Artikel im »Falter« mit dem Titel »Ich will ja auch nicht umgebracht werden«, der die schwierige Situation für Radfahrende angesichts der mangelhaften Infrastruktur in Wien beleuchtete.

Das müsste nicht so sein, hätten wir ein durchgängiges und sicheres Radverkehrsnetz mit geöffneten Einbahnen, die Regel und nicht Ausnahme sind. Wir hoffen, dass die Gesetzesnovelle der Straßenverkehrsordnung bald in Kraft tritt und somit alle geeigneten Einbahnen für den Radverkehr geöffnet werden.

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