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am 2. Jänner

„Wien hat eine sehr gut verwaltete Armut“

Silke Baron - Gerhard Koudela, Leiter der PfarrCaritas Breitensee, steht in der Küche der PfarrCaritas Breitensee, kocht Tee und Suppe, schiebt einen Ziegel Leberkäse in den Konvektomat. Er trifft Vorbereitungen für die Essensausgabe an diesem Mittwoch.

„Das Jahr 2020 brachte viele ehrenamtliche Helfer*innen an ihr Limit“ erzählt er. Da Helfen meistens weiblich, und sehr oft 60+ ist, befanden sich plötzlich viele der freiwilligen und unbezahlten „Systemerhalterinnen“ in einem Zwiespalt: Sie sind selbst der Risikogruppe einer Covid-19-Infektion zugehörig, wollten aber nach wie vor den Menschen helfen.

Die PfarrCaritas Breitensee konnte seit April statt drei Mal pro Woche nur noch zwei Mal pro Woche Essen und Hygieneartikel verteilen. Die Lockdowns hatten einen kleinen Vorteil: junge Menschen hatten tagsüber Zeit, die sie in den Dienst der guten Sache stellten. Warmes Essen kann seither nur noch mitgegeben werden, da es die Schutzmaßnahmen nicht erlauben, dass im Lokal der PfarrCaritas in der Sampogasse 5 gemeinsam gegessen wird.

Sachspenden:

​Außer Geld werden laufend Zucker, gemahlener Kaffee, Süßes in möglichst kleinen Einzelverpackungen, Sackerln aller Art, Boxen mit Deckeln, verschließbare Gläser, ungekühlt haltbare Aufstriche und derzeit große Herrenwinterjacken (ab der Größe XL) gebraucht.

Geldspenden:

PfarrCaritas Breitensee: IBAN AT17 3200 0000 1186 1325

Kontakt:

CaritasBreitensee@gmx.at

Telefonnummer

+43 680 40 19 825​

Dabei hat sich die Zahl der Gäste, wie Gerhard Koudela die ökonomisch Benachteiligten, die er gemeinsam mit vielen Freiwilligen versorgt, nennt, um mehr als ein Viertel erhöht. Auch der Frauenanteil ist von etwa 20 Prozent auf mehr als 30 Prozent gestiegen.​

Das Ehrenamt als Selbstverständlichkeit?

Die Ausgabe von Essen und Artikeln des täglichen Gebrauchs ist nur durch Spenden und ehrenamtliche Tätigkeit möglich. Aber sie ist weit mehr als das:

Den Menschen wird ein wenig Tagesstruktur geboten, der Kontakt nach außen und auch die Wahrnehmung der Menschen werden gefördert, sie kommen raus, können kommunizieren, ihre Sorgen finden Gehör – und sie werden versorgt.

Klingt alles wunderbar, aber wo liegt der Hund begraben? „Im System der Stadt“ sagt Gerhard. Die Armut würde in Wien sehr gut verwaltet, es gebe zahlreiche Anlaufstellen, Magistrate, mitunter auch Gelder. Eh super. Aber wer macht den Job, wer kümmert sich wirklich um die Menschen und organisiert die Abholung von Lebensmitteln von den Supermärkten oder Schulen?

„Die Arbeit wird an Ehrenamtliche ausgelagert, und das ganz ohne Genierer“ meint Gerhard. Es habe sich so eingeschliffen, dass es ohnehin immer und genug Freiwillige gebe, Frauen im besten Alter, aber auch jüngere Menschen mit sozialer Ader, Tendenz leider sinkend. Diese würden ausgenutzt und bekämen nicht einmal eine Haftpflicht- oder Unfallversicherung für ihre unbezahlte Arbeit, die Verwaltung verlasse sich einfach auf sie.

Mobile kostenlose COVID-Tests für Ehrenamtliche? Fehlanzeige. Gerhard kauft schweren Herzens vom Spendengeld Tests, sodass die Helfer*innen zumindest einmal wöchentlich getestet werden können. „Das sind im Monat allein bis zu 400 Euro, wir werden hier total im Stich gelassen“ ärgert er sich. Für die soziale Betreuung der Menschen und Helfenden fühle sich die Stadt Wien nicht zuständig, dabei ist diese unverzichtbarer Bestandteil der Hilfe. Menschen lassen sich aber nicht einfach verwalten, da braucht es schon mehr.

Gemeinschaftsgedanke versus Ausgrenzung

Gerhard Koudela trägt das Herz am rechten Fleck, ist gegen jede Art der Ausgrenzung und in seiner Arbeit stets pragmatisch und lösungsorientiert. Der von ihm gegründete Gemeinschaftsgarten „Park GuEL“ am Laurentiusplatz mit dem öffentlichen Brotbackofen ist ihm wichtig, den Hundeurin und die Tschickstummeln auf den Grünflächen und an den Hochbeeten findet er rücksicht- und respektlos, da werden die Natur und die Gärtner*innen ignoriert.

„Hier wachsen Lebensmittel und Kinder spielen auf den Grünflächen, da brauche ich keinen Hundeurin, der die Pflanzen zerstört, wo es doch ums Eck im Ordeltpark eine Hundezone gibt“ kritisiert er. Der Laurentiusplatz solle nach seinem Geschmack autofrei werden und einen offenen Bücherschrank bekommen (Anmerkung: beides ebenso ganz nach unserem Geschmack).

Auf Themen wie Flüchtlinge aus griechischen Lagern retten angesprochen, fehlt ihm das Verständnis für die Teilnahmslosigkeit der Regierung. Das „Helfen vor Ort“ sei so nicht in Ordnung, die geschönten Zahlen über die positiven Asylbescheide ebenso wenig, man müsse die Menschen da rausholen und ihnen helfen. Recht hat er!​