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am 1. März

Muss immer zuerst etwas passieren?

Silke Baron - Das fragten wir uns anlässlich der Verhandlung mit den zuständigen Dienststellen zu unserem Antrag auf die Ausdehnung der 30er-Zone auf der Hüttelbergstraße. Das Hauptargument warum diese Zone abgelehnt wird ist nämlich „es ist ja dort noch nie ein größerer Unfall mit Personenschaden gewesen“.

Das Argument kommt uns bekannt vor, wurde und wird immer wieder genannt. Bis es letztes Jahr zu einem Verkehrsunfall, bei dem ein Bub schwer verletzt wurde, am Eck Linzer Straße Guldengasse gekommen war. Und trotzdem sind wir immer noch in der Minderheit mit unserer Forderung einer – ohnehin kurzen – 30er-Zone vor der Schule auf der Linzer Straße Nr. 232 zwischen Pachmanngasse und Guldengasse. Erst in der gestrigen Februarsitzung der Bezirksvertretung wurde sie von SPÖ, FPÖ und Teilen von NEOS mit haarsträubenden Argumenten abgelehnt. 

Zurück zur Hüttelbergstraße

Da saßen sie rund um einen Tisch, die Herren jenseits der 50, plauderten vor Verhandlungsbeginn bereits über ihre Pensionierung, und lächelten beinahe väterlich-milde über unsere Argumente für die Verkehrssicherheit der Kinder, der Fußgänger*innen und der Radfahrer*innen am Weg in die Erholungs- und Mountainbikegebiete im Wienerwald. Auch die Besucher*innen der berühmten „Fuchs-Villa“, einer der zwei Otto-Wagner-Villen die das Ernst Fuchs Museum beherbergt, oder der beliebten Pizzeria „La Mama“, die ruhesuchenden Gäste des Campingplatzes, die Spaziergänger*innen Richtung Paradiesgründe, Sophienalpe und Satzberg oder die lärmgeplagten Anwohner*innen am Wolfersberg und Kordon – sie alle sind offenbar nicht wichtig genug: Verkehrssicherheit, Lärmschutz, Emissionsschutz – papperlapapp! Der motorisierte Verkehr müsse fließen, und das schnell, das sei prioritär.

Lärmkarte Hüttelbergstraße

Man(n) wirkte fast amüsiert über die Vorstellung der ungehörigen Verspätung die jeder Bus auf der Strecke hätte. Denn man merke sich „Die Busfahrer*innen müssen sich ja wirklich an die 30 km/h halten“. Soso. Nur die Busse also „wirklich“, die anderen nicht? Diese Frage blieb unbeantwortet.

Von Seiten der Bezirksvorstehung bekamen wir kopfschüttelnd zu hören: „Da würde doch wirklich jeder sofort mit dem eigenen Auto statt mit dem langsamen Bus fahren!“. 

Ein kleines Rechenbeispiel zur Verspätung der Busse

Die geforderte Länge der Ausdehnung der 30er-Zone beträgt knappe 1500 Meter und inkludiert 3 Haltestellen. Würde der Bus – wider der Realität – ohne Anhalten 30 km/h statt 50 km/h fahren, wäre der Zeitverlust eine gute Minute. Nun rechnen wir 3 Mal Brems- und Anfahrgeschwindigkeiten für die 3 Haltestellen dazu – und schon ist der Zeitverlust bei ein paar wenigen Sekunden, weit unter einer Minute. Soweit so klar?

Die Vision Zero

Wien hatte 2019 elf Verkehrstote. Der Trend geht nach unten, für uns ist das aber nicht genug, die minimalen Korrekturen im System ohne einem zukunftstauglichen Gesamtkonzept, gehen zu langsam.

Die Vision Zero (d.h. in Zukunft keine Verkehrstoten zu haben) ist weit mehr als nur eine Zielvorgabe. Es ist ein Paradigmenwechsel in der Verkehrssicherheitsarbeit und ein umfassendes Handlungskonzept. 

Viele Länder in Europa haben Vision Zero bereits zum politischen Programm gemacht. Vorreiter hier ist Schweden. Die Bezirksvorsteherin sprach in ihrer Antrittsrede im Herbst noch von „Penzing zum kinderfreundlichsten Bezirk machen“. Wir glaubten der kinderlieben Volksschullehrerin und Mutter aufs Wort. Offenbar versteht sie aber unter „kinderfreundlich“ etwas anderes als Sicherheit für Kinder. Vielleicht hat sie aber auch innerhalb ihrer Fraktion nicht immer das letzte Wort.

Weitere (Schein)Argumente

Dass eine 30er-Zone eine „Behinderung“ sei, darin waren sich die Herren am Verhandlungstisch einig. Wobei das Wort „Verhandlungstisch“ nicht sonderlich treffend ist. Es war mehr ein „Verkündungstisch“, denn man setzte uns nur davon in Kenntnis, was längst klar war: Da kommt keine 30er-Zone, Punkt.

Im Jahr 2020, wo einige über ganz Europa verstreute Städte den privaten Autoverkehr aus den Zentren verbannt und eingesehen haben, dass die Zukunft der Städte nicht im Ausbau von Straßen sondern von alternativen fortschrittlichen Mobilitätskonzepten liegt, in der Entschleunigung des Stadtverkehrs, erklären uns die Herren mitsamt der Bezirksvorstehung die Welt so, wie sie einmal war – und wie sie in ihren Augen bleiben soll.

30 km/h sind also eine Behinderung? Aber hoppla: Studien, wie zum Beispiel die des deutschen Umweltbundesamtes​ belegen, dass der Verkehrsfluss durch Tempo 30 statt 50 nicht ​beeinträchtigt wird. 

Harald Frey, Verkehrsplaner an der TU Wien, bestätigte, dass bei einer Temporeduktion von Tempo 50 auf Tempo 30 drei Viertel weniger Lärm verursacht würde. Derzeit liegt das 24-Stunden-Mittel der offiziellen Lärmkarte auf der Hüttelbergstraße bei 70-75 dB (Dezibel).

Die WHO stuft eine nächtliche Lärmbelastung von 45 dB und die andauernde Lärmbelastung tagsüber von 53 dB als gesundheitsschädlich ein.

Aber egal wie wir es drehen und wenden, die Polizei hätte angeblich personell ohnehin nicht die Mittel, die Geschwindigkeit zu überprüfen hieß es. Ein Freibrief für Raser auf Kosten von Mensch und Umwelt?

Keyfacts Hüttelbergstraße

  •     6 Kindergärten und eine Kindergruppe
  •     enger und holpriger gemischter Rad- und Gehweg auf einem Teilstück von 600 Metern
  •     das Ernst-Fuchs-Museum als beliebtes Ziel für Tourist*innen und Kunstliebhaber*innen
  •     eine weitere Otto-Wagner-Villa
  •     ein Ballspielkäfig 
  •     eine im Sommer sehr gut frequentierte Pizzeria
  •     ein großer Campingplatz
  •     zahlreiche Anrainer*innen und Kleingärten
  •     der Anschluss an den Wienerwald für Spaziergänge, Wanderungen, Mountainbiketouren, Ausflüge, Picknicks etc.